Krank in Mexiko

An meinem letzten Tag auf der Isla Holbox checke ich Vormittags aus der Unterkunft aus. Den Tag verbringe ich am Strand und schaue in einer Bar das Bundesliga-Spiel der Eintracht. Nicht nur weil die Eintracht verlor geht es mir im Laufe des Tages langsam aber sicher immer mieser. Mein Hals fängt an zu kratzen und die Nase trieft immer mehr.

Schließlich verlasse ich am späteren Nachmittag die Insel Holbox um mich in den Bus Richtung Valladolid zu setzen. Die Fähr- und auch die Busfahrt über sind die Halsschmerzen soweit noch erträglich, aber als ich Abends im Bett liege, schlagen die Halsschmerzen schon in Kiefer- und Zahnschmerzen um. Das kann passieren wenn die Nebenhöhlen so geschwollen sind, dass sie auf einen Nerv des Kiefers drücken. Ich versuche zu schlafen. Vergebens.

Gegen 23 Uhr wache ich auf vor Schmerzen, die ich nicht aushalte, und kann nicht mehr einschlafen. Leider habe ich nur Ibuprofen für die Reise eingepackt, keine Paracetamol. Ibuprofen und Aspirin sind bei einem Tropenfieber wie Dengue oder Malaria kontraproduktiv und verschlimmern die Krankheit nur bis hin zum tödlichen Verlauf. Diese beiden Medikamente gehören daher nicht in das Reisegepäck für die Subtropen! Da ich nicht weiß, ob ich mir da wirklich ein Tropenfieber eingefangen habe, lasse ich die Ibuprofen sein und mache mich auf die Suche nach Hilfe.

Als ich an der Rezeption vorbei zum Ausgang laufe, finde ich dort — so nenne ihn ich fortfolgend — den Señor sitzen, der die Nachtwache an der 24h geöffneten Rezeption übernimmt. Der Señor kann natürlich kein Englisch, und ich kein Spanisch. Beste Voraussetzungen also. Mit Hilfe von Google Translate frage ich ihn, ob in der Nähe eine Klinik sei und er rät mir einfach zur Farmacia zu gehen.

Die Farmacia ist nur einen Block etwa 50m weiter die Straße runter. Durch ein Nachtfenster versuche ich der Dame meine Probleme zu schildern und was ich haben möchte. Auch sie kann kein Wort Englisch. Also muss wieder Google Translate herhalten — mit dem langsamen Internet ein Geduldsspiel. Die Dame gibt mir zu verstehen, ich solle einen Arzt konsultieren.

So laufe ich ohne Medikamente zurück zum Hotel. Ich schildere dem Señor, dass die Dame sagt ich müsse einen Arzt konsultieren. Daraufhin verlässt der Señor mit mir das Hotel, schließt die Tür ab und läuft die Straße mit mir in die Richtung hinauf zu einem Arzt. Dort ist es natürlich zappendustern, schließlich ist es nach 23 Uhr. Vergebens klopft der Señor an das Holztor. Auf dem Weg zurück zum Hotel kommt der Señor dann auch zur Erkenntnis, ich solle doch eine Klinik aufsuchen. Dafür brauche ich zunächst ein Taxi, wir laufen den ganzen Block also wieder in die andere Richtung runter, während der Señor von seinem Handy aus mehrfach vergeblich probiert ein Taxi zu rufen. An der nächsten Querstraße fährt eins an uns vorbei, in welches ich mich setze. Nachdem sich der Señor kurz mit dem Taxifahrer berät, sind sich beide einig, dass ich nur noch zum Hospital General de Villadolid kann.

Das Hospital befindet sich etwa 3km etwas außerhalb der Stadt. Für die Fahrt zahle ich 40 Pesos. Ich laufe kurz vor Mitternacht durch den Eingang des Hospitals, während mich eine Sicherheitskraft fragt, was ich hier will. Ich frage „Hablas Ingles?“, erzähle irgendwas von Halsschmerzen auf Englisch, während die Sicherheitskraft auf Spanisch bestätigt, ich solle einen Doktor sehen, und mich hereinbittet. Einen Meter links neben der Tür befindet sich die Information. Die Dame dort spricht zu meiner Enttäuschung auch kein einziges Wort Englisch. Dennoch versuche ich mich anzumelden. Mit viel Mühe und unter Einsatz von Händen und Füßen schaffe ich es gerade so bei ihrem Fragebogen meinen Namen und mein Alter mitzuteilen, ehe ich zu beständigem Schulterzucken übergehe. Danach erfolgt eine erste Bestandsaufnahme bei zwei Arzthelferinnen: Blutdruck, Puls, Temperatur und Gewicht werden gemessen. Danach darf ich zum Warten Platz nehmen.

Es ist scheinbar auf der ganzen Welt das gleiche, egal in welchem Land oder bei welchem Arzt man ist: Die Warterei. Währenddessen versuche ich meine Auslandskrankenversicherung (AKV) zu erreichen. Mit meiner mexikanischen SIM-Karte kann ich scheinbar keine deutschen Telefonnummern anrufen, so auch nicht die Hotline der AKV. Ich lade mir also die App der AKV und versuche es über das darin integrierte Kontaktformular per Nachricht mit der Bitte um Rückruf. Leider, so schreibt es die AKV, kann ich auch nicht angerufen werden. Ich solle aber alle Kosten nachträglich einreichen, sofern mein Aufenthalt nicht stationär wird. Erst bei einer stationären Behandlung würde die AKV selbst in Vorleistung gehen. Aha, nun gut. Ich hatte beim Verlassen des Hotelzimmers nur noch mein Portemonnaie gegriffen, schließlich wollte ich eigentlich nur zur Farmacia. Mein Reisepass und die Kreditkarte lagen noch im Zimmer. Ich bange also, ob die etwa 2000 Pesos, die ich bei mir habe, ausreichen um die Behandlung zu bezahlen und male mir gleichzeitig die Szenarien für den Fall, dass sie nicht reichen, aus.

Ich sitze bis nach 2 Uhr morgens im Wartebereich, ehe ich an der Reihe bin. Im Besprechungszimmer warten zwei Ärtze, eine Frau und ein Mann, auf mich. Sie können immerhin ein paar Worte Englisch. Ausreichend um die Befragung und Untersuchung durchzuführen. Sie verschreiben mir Paracetamol und ein Antibiotikum. Sie sagen ich solle dies an der Information Stempeln lassen. Mit dem Rezept in der Hand verlasse ich den Raum und begebe mich zur Information. Nochmal bangen während die Dame im Preisverzeichnis nachschlägt: Habe ich genug Geld dabei um alles zu bezahlen? Die Dame stellt mir schließlich eine Quittung aus: 127 Pesos. Das sind umgerechnet ganze 5,50€, die mich die Untersuchung gekostet hat. Ich möchte mit einem 500-Pesos-Schein bezahlen, doch die Dame lehnt ab und fragt ob ich es auch kleiner hätte. Und wie der Zufall es so will, habe ich noch genau 127 Pesos klein. Mit Gesten versuche ich der Dame zum Schluss mehrfach verstehen zu geben, dass sie das Rezept stempeln muss. Doch sie versteht es nicht, oder denkt ich brauche das nicht. Also ziehe ich ohne Stempel davon.

Vor dem Hospital nehme ich, inzwischen sehr erleichtert aber auch sehr müde, ein Taxi zurück zum Hotel. Wohlwissend, dass ich nach dem Zahlen im Hospital nur noch 500-Pesos-Scheine habe und das beim Bezahlen des Taxis noch zum Problem werden könnte. Der Taxifahrer kennt mein Hotel nicht, also zeige ich es ihm auf Google Maps. Er bringt mich vor die Tür des Hotels und erstaunlicherweise soll die Fahrt nun 50 Pesos kosten. Ich reiche ihm einen 500-Pesos-Schein (das sind keine 22€) und als er den Schein erblickt gibt er ein lautes „Wow!“ von sich. Zum Glück hat er geradeso genügend Wechselgeld dabei, welches ich ihm jetzt fast vollständig entlocke und ihn quasi mit nur einem Geldschein weiterfahren lasse. Mit insgesamt 90 Pesos waren die beiden Taxifahrten also fast so teuer wie die Behandlung im Krankenhaus.

Am Hotel öffnet mir der Señor die verschlossene Tür. Ich zeige ihm das Rezept, was wer zum Anlass nimmt, aus der Tür herauszutreten, diese zu wieder abzuschließen und mich zur Farmacia zu begleiten. Dort angekommen gibt er der Dame das Rezept. Es geht ewig hin und her, der Dame fehlt natürlich der Stempel auf dem Rezept, dem die Empfangsdame mir verweigerte, und nach 5 Minuten kommt sie zur Erkenntnis, dass sie die Medikamente nicht da hat. Also laufen der Señor und ich, uns anschweigend, einen Block weiter zur nächsten Farmacia. Dort haben sie die Medikamente. Ich zahle ganze 99 Pesos. Also geradeso etwas mehr als für die Taxifahrten.

Endlich mit den Medikamenten in der Hand begebe ich mich zusammen mit dem Señor zurück zum Hotel. Wir beide uns gegenseitig anschweigend. Immerhin sprechen wir verschiedene Sprachen. Dabei würde ich ihm gerne erzählen wie verrückt, fast schon witzig, diese Nacht doch war, und ihm meinen Dank für seine Hilfe ausdrücken. Aber die Sprachbarriere lässt das nicht zu. Zurück im Hotel gebe ich ihm wenigstens die Hand und sage „Muchas gracias, señor. Buenas noches!“ bevor ich mich auf das Zimmer begebe. Um 3 Uhr liege ich endlich mit Medikamenten im Bett und kann schlafen.

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